Stell Dir vor, Du wurdest vergewaltigt und niemand glaubt Dir!

1465465043 frau kopfschmerzen verzweiflung high
Foto: “day 017.” von Holly Lay, CC BY 2.0
Photo von Marion
10.06.2016

Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe sind in Deutschland an der Tagesordnung. Die Opfer werden nicht geschützt, sondern häufig selbst noch zu Schuldigen erklärt.

Gina-Lisa Lohfink ist kein Einzelfall

Gina-Lisa Foto: “Gina-Lisa Lohfink (Mallorca 2011)” von Zeno Bresson , CC BY-SA 3.0

In den letzten Tagen konnte man in der Presse sehr viel über den Fall von Gina-Lisa Lohfink lesen. Sie wurde vergewaltig, so wie jährlich schätzungsweise 160.000 andere Frauen in Deutschland. Etwa 8.000 Vergewaltigungen pro Jahr werden laut des Bundesverbands Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe angezeigt. Allerdings werden nur 5 bis 15 Prozent aller Sexualstraftaten überhaupt angezeigt. Für die meisten Frauen ist es schwierig, eine Vergewaltigung Stunden, Tage oder Wochen später noch nachzuweisen.

Lohfinks Vergewaltigung durch zwei Männer wurde auf Video aufgezeichnet. Es ist deutlich zu hören, wie die Frau mehrmals “Hör auf” zu ihren Vergewaltigern sagt. Ein unanfechtbares Beweisstück sollte man meinen. Das ist jedoch weit gefehlt. Die Vergewaltiger wurden nicht nur freigesprochen, Lohfink wurde auch noch zu einer Geldstrafe von 24.000 Euro wegen Falschaussage verurteilt. Ihr Anwalt ging dagegen in Berufung.

Unser Strafrecht schützt Täter

Faust Foto: Pixabay, CC0

Ermöglicht wurde dieses abscheuliche Urteil durch das deutsche Sexualstrafrecht, das es Vergewaltigern vor Gericht leichter macht als ihren Opfern. Frauen müssen beweisen, dass sie sich körperlich gewehrt haben, damit von einer Vergewaltigung gesprochen wird. Ein verbal ausgesprochenes “Nein” oder eben “Hör auf” reicht nicht aus. Die Täter machen sich nur strafbar, wenn sie Gewalt anwenden, damit drohen oder eine schutzlose Lage ausnutzen, aus der sich das Opfer nicht selbst befreien konnte.

Kaum Anzeigen

Angst Foto: Pixabay, CC0

Die Folgen dieser frauenfeindlichen Gesetzgebung sind, dass nur 5 bis 15 Prozent der Betroffenen eine Vergewaltigung überhaupt anzeigen. Nur 8 Prozent der Tatverdächtigen werden verurteilt! Ein Vergewaltiger hat also ziemlich gute Chancen straffrei davon zu kommen. Dass am Ende noch das Opfer beschuldigt wird, ist auch kein Einzelfall.

Noch schlimmer sieht es bei sexueller Belästigung aus. Grapschen an die Brust oder zwischen die Beine ist in Deutschland überhaupt nicht strafbar!

Verschärfung des Sexualstrafrechts

Vor einigen Monaten hat die Regierung einen Entwurf zur Verschärfung des Sexualrechts gebilligt. Danach soll “jede nicht einverständliche, sexuell bestimmte Handlung” bestraft werden, auch wenn sich das Opfer nicht körperlich gewehrt hat. Allerdings fehlt ein klares Bekenntnis, dass auch ein ausgesprochenes “Nein” für eine Bestrafung ausreicht. Grapschen soll nach dem Entwurf ebenfalls verfolgt werden können. Wann der Vorschlag tatsächlich in geltendes Recht umgesetzt wird, ist noch nicht klar.

Gesellschaft muss sich ändern

Doch eine Verschärfung des Strafrechts wird nicht ausreichen.

Überleg mal, wie viele Eltern Du kennst, die ihren Töchtern sagen: “Geh nicht alleine im Dunkeln nach Hause, Du könntest vergewaltigt werden”, oder “Zieh Dich nicht so aufreizend an, sonst begrapscht Dich noch jemand.” Kennst Du auch nur eine einzige Person, die zu ihren Söhnen sagt: “Vergewaltige keine Frauen”, oder “Bloß weil eine Frau einen kurzen Rock trägt, heißt das nicht, dass sie von Dir angemacht werden will”? Im Englischen wird dieses Phänomen als “Rape Culture” bezeichnet.

Solange wir in einer Gesellschaft leben, die Vergewaltigungen als etwas ansieht, für das Frauen selbst verantwortlich sind, wird es weiterhin ungestrafte Übergriffe geben.

Das interessiert Dich auch

Beliebteste Artikel

Verwandte Artikel